Jahresbericht 2018

Ereignisse, Zahlen, Impressionen

Ereignisse 2018

Kettenfähre Schadau

Eine Kettenfähre wäre ein Novum für die Schweiz

Ich setze mich seit Jahren dafür ein, dass in Thun die Aarequerung beim Schloss Schadau und Kirche Scherzligen zum Bächimattquai verbessert wird. Seit Jahren existiert keine regelmässig betriebene Fähre mehr, dies ist kein haltbarer Zustand für die Stadt als touristischer Ort. Um von der Bächimattpromenade zur Scherzligkirche zu gelangen, ist heute ein 2,5 Kilometer langer Umweg über den Göttibachsteg zu bewältigen. Zu Fuss braucht es etwa eine halbe Stunde, während eine Fahrt über die Aare zwei bis drei Minuten dauert.

Abb. 1: Anlegesteg der Kettenfähre an der Bächimattpromenade, Blickrichtung Schadau-Scherzligen

Abb. 1: Anlegesteg der Kettenfähre an der Bächimattpromenade, Blickrichtung Schadau-Scherzligen

Lange Vorgeschichte

Die Arbeitsgruppe Scherzligen hatte Anfang 2009 die Planungen für eine neue Querung vorangetrieben. Diese Querung Scherzligen/Schadau war eine der Massnahme für den Langsamverkehr aus der Gesamtverkehrsstudie für die Agglomeration Thun aus dem Jahr 2000. Die Massnahmen für den motorisierten Individualverkehr MIV wurden umgesetzt, aber fast alle flankierenden Massnahmen für den Langsamverkehr nicht. Ergänzt wurde das Anliegen mit einem Vorstoss im Stadtrat. Die Arbeitsgruppe Scherzligen bestand aus dem Trio Melchior Buchs als damaliger Geschäftsführer der Region Thun Innertport (TIP), heute Entwicklungsraum Thun (ERT), Peter Dütschler als Präsident von Thunersee Tourismus (2006-2013) und Michael Dähler (gestorben 2010) als Vorsitzender der Interessengemeinschaft (IG) Schadau/Scherzligen. Interimistisch setzte eine Arbeitsgruppe des VCS die Arbeit 2016 fort und die Fraktion Grüne/SP reichten im selben Jahr ein Vorstoss im Stadtrat ein.

Die heute aktive «Arbeitsgruppe Kettenfähre» (AGK) besteht aus vier Personen: Peter Dütschler, Initiant, ehemaliger Stadt- und Grossrat (FDP) und Präsident Verein Panorama Rundweg Thunersee. Weitere Mitglieder sind Adrian Christen, Präsident Pro Velo Region Thun und Stadtrat, Franz Rüegg, ACD Engineering in Steffisburg, Erfinder des MOBRI2 (mobile Brücke), Entwickler der Aare-Kettenfähre und Gemeinderat von Hilterfingen (FDP), und Theodor Schmidt, Ingenieurbüro IBS, Solarbootentwickler und Ideenlieferant.

Mehrere Bewilligungen

Die AGK hat Anfang 2018 beim Regierungsstatthalter zu Handen der Bewilligungsbehörden eine Projektskizze eingereicht. Mitte 2018 erhielten wir die Stellungnahmen der Ämter mit einem ausführlichen Bericht des Regierungsstatthalters zurück. Es gab keine Gründe gegen eine Kettenfähre, einzig die Automatisierung wird nicht von Beginn weg möglich sein, weil es die erste wäre in der Schweiz. Mit den Verantwortlichen Ämtern konnten wir in der Zwischenzeit die Anforderungen besprechen, nun sind wir in der Lage mit den uns bekannten Rahmenbedingungen einen ersten Entwurf zu planen. Es wird ein iterativer Prozess mit den Bewilligungsbehörden werden, weil es die erste Kettenfähre in der Schweiz ist. Eine Kettenfähre hat den wesentlichen Vorteil, dass sie im Betrieb weniger kostet als eine herkömmliche Fähre mit Begleitung. Sobald wir die ersten konkreten Pläne vorlegen können, werden die Amtsstellen beurteilen können, welche bewilligungstechnischen Herausforderungen wir noch zu meistern haben.
Ein Fischerei-Gutachten wurde bereits letztes Jahr bei Dr. J. Guthruf in Auftrag gegeben. Im besten Fall gelingt es uns das Baugesuch noch in diesem Jahr einzureichen. Mit der Baubewilligung ist vermutlich erst im Jahr 2020 zu rechnen.

Was ist eine Kettenfähre? Und wie funktioniert sie?

Eine Kettenfähre zieht sich an einer oder an zwei Ketten von einem Ufer zum anderen. Die Ketten sind beidseitig am Ufer verankert und liegen auf dem Flussgrund. Sie stellen daher kein Hindernis für die Schifffahrt dar. Weil sie sich nicht bewegen, gefährden die Ketten auch die Fische nicht. Die Fähre nimmt die Kette nach oben, «hangelt» sich daran vorwärts und lässt sie zurück auf den Grund gleiten. Da die Fähre entlang der Kette fährt, ist sie nie frei und muss nicht in der Richtung gesteuert werden. Sie braucht keine Steuerperson und legt automatisch perfekt an. Zudem kann sie jederzeit ohne Energieeinsatz anhalten und muss nicht befestigt werden.

Abb. 2: Kettenfähre, Entwurf 30.04.2019

Abb. 2: Kettenfähre, Entwurf 30.04.2019

Durchwegs barrierefrei

Eine Kettenfähre stellt eine öffentliche Querungsmöglichkeit für den nichtmotorisierten Verkehr dar, ob für Velofahrer, Schülerin, Pendler, Ausflügler, Touristinnen oder Anwohnerin. Das durchwegs barrierefreie Design der Anlegestellen und der Kettenfähre ist ideal geeignet für Personen mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen. 

Ein Steuerungscomputer

Die Fähre kann bei den Anlegestellen «gerufen» werden, wobei der Steuerungscomputer die Fahrt anhand des Schiffsverkehrs und weiteren Bedingungen überwacht und freigibt. Auf der Fähre kann die Fahrt durch Drücken der Fahrtrichtungstaste eingeleitet werden. Mit den Stopp- und Hilfetasten kann in einer Notsituation die Fähre angehalten oder Hilfe angefordert werden.

Mit Photovoltaikanlage

Der Kettenantrieb mit Elektromotor erzeugt keine Abgase, und die benötigte Leistung ist viel kleiner als sie bei einem Propellerantrieb wäre. Sie wird über Batterien zur Verfügung gestellt. Diese werden sowohl bei Anlegepausen als auch mittels einer Photovoltaikanlage auf dem Dach aufgeladen. Über eine Netzankoppelung wird die überschüssige Energie an sonnigen Tagen in das Stromnetz eingespeist oder bei schlechtem Wetter Energie daraus bezogen. Über das Jahr gemittelt, ergibt sich je nach Auslastung, Anzahl Fahrten und Wetter ein «Minergie-» oder gar «Plusenergie»-Übergang.

Erkennt Kurs- und Lastschiffe

Mithilfe der Transpondertechnik kann die Steuerung der Fähre vortrittsberechtige Kurs- und Lastschiffe erkennen und ihnen die Vorfahrt gemäss Binnenschifffahrtsgesetz gewähren. Sensoren erkennen zudem Schiffe und Objekte, und die Fahrt wird im Falle eines Kollisionskurses angehalten.
Die Fähre wird für einen vollautomatischen Betrieb ausgestattet und ist während eines festgelegten Zeitfensters verfügbar.

Aufwendiges Bewilligungsverfahren

Insgesamt sind 16 Fachstellen in die Abklärungen für eine mögliche Bewilligung für die Kettenfähre involviert. Zu ihnen gehören das Bauinspektorat Thun, seitens des Kantons Bern das Amt für Grundstücke und Gebäude, der Oberingenieurkreis I, das Amt für Landwirtschaft und das Jagdinspektorat und ebenso die Fischzuchtanlage Faulensee, das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt, die BLS Schifffahrt AG, die Kantonspolizei und das Bundesamt für Verkehr.

Abb. 3: Kettenfähre mit der Kirche Scherzligen links im Bild, rechts der Steg zum Aarequai.

Panoramabrücke Oberhofen

Ausgangslage

Das Hängebrückenprojekt in Oberhofen hat eine noch längere Vorgeschichte als die Kettenfähre: Wir haben seit 2007 verschiedene Varianten geprüft, vorgestellt und mit verschiedensten Fachstellen und Betroffenen besprochen. Der Panorama Rundweg Thunersee ist als regionaler Wanderweg Nr. 26 in Schweizmobil.ch aufgeführt und im Gelände entsprechend signalisiert. Der bestehende Wanderweg im Abschnitt Oberhofen führt durch die schöne Balmfluh. Leider ist der Abschnitt nach Unwettern häufig gesperrt und die Querung durch den Riderbach entspricht nicht den Anforderungen an einen regionalen Wanderweg. Aus diesem Grund wurde die Gemeinde Oberhofen und die Burgergemeinde Oberhofen aufgefordert, Lösungsvarianten für diesen Abschnitt zu erarbeiten.

Nach dem Vorliegen einer Offerte für eine Hängebrücke bei der bestehenden Querung des Riderbaches in der Balmfluh wurde der Verein Panorama Rundweg Thunersee angefragt, ob er die Burgergemeinde bei der Realisierung unterstützen würde. Der Präsident hat die Unterstützung des Vereins angeboten, aber darauf aufmerksam gemacht, dass solange die Brücke im Bereich des Waldnaturschutzinventars geplant sei und die Zugangswege weiterhin Steinschlag und Erdrutschgefährdet seien, wir dieses mehrere hunderttausend Franken teure Projekt nicht unterstützen könnten. Insbesondere auch darum nicht, weil die Erschliessung der Brücke nicht Kinderwagen- und/oder Behindertengerecht ausgebaut werden könnte. Der Präsident hat damals die heute vorliegende Brückenvariante vorgeschlagen, welche uns Vereinsmitgliedern aus Oberhofen zugetragen haben, die von sich aus die Routenführung mit leitenden Personen der Burgergemeinde besprochen haben.

In mehreren Sitzungen mit Vertretern aus dem Burgerrat Oberhofen, der Gemeinde Oberhofen, dem zuständigen Förster, den Berner Wanderwegen und dem Verein Panorama Rundweg Thunersee wurde unsere Linienführung diskutiert. Die Routenführung führt von einem Reservoir und Kindergartenspielplatz über einen alten Pistolenstand und eine Flussverbauung, über einen Wanderweg an die Spitzkehre des historischen Weges zur Blochhütte.

Man war sich einig und froh, eine ideale Routenführung des Panorama Rundweg Thunersee über den Riderbach gefunden zu haben und hat einen Zeitrahmen für die Realisation festgelegt. Mit den bisherigen Brücken haben wir bewiesen, dass wir ein zuverlässiger Bauherr sind und nachhaltig planen. Die verschiedenen Preise für die Bauprojekte haben uns bestätigt, dass es sich lohnt, gute Architektur und Ingenieurleistung zu realisieren. Die täglichen Rückmeldungen von begeisterten Besuchern in Sigriswil, bestätigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Das Geschenk

Zu diesem Zeitpunkt kam die Anfrage der Herren Luc und Thomas Frutiger an den Präsidenten: Sie möchten zum 150 Jahre Jubiläum der Firma Frutiger AG etwas Nachhaltiges und Nützliches ihrer Heimat schenken, sie würden gerne eine Brücke für den Panorama Rundweg Thunersee als Geburtstagsgeschenk bauen. Luc und Thomas Frutiger haben die Planung und Verhandlungen umgehend aufgenommen. Nach dem positiven Entscheid der Burgerversammlung Oberhofen wurde die Projektierung in Angriff genommen. Dazu wurde „unser“ Brückenbauer Martin Dietrich beauftragt, eine schlanke und in die Landschaft eingepasste Brücke zu entwerfen. Im Projektierungsstadium fanden Begehungen und Besprechungen mit den zuständigen Amtsstellen statt, deren Anregungen und Auflagen in das definitive Bewilligungsprojekt einflossen.

Abb. 4: Übersicht Situation Panoramabrücke Oberhofen (Baugesuch)

Es gilt zu erwähnen, dass in den frühen Anfängen des Panorama Rundweg Thunersees, als der Präsident am Beschaffen der Gelder für die Realisierung der Hängebrücken in Leissigen und Sigriswil war, die AEK BANK 1826 uns aufforderte, die Meinung zum Projekt bei Frutiger AG und Hauenstein Immobilien einzuholen. Die Bank wollte zur Absicherung wissen, wie sich diese Grossbetriebe in unserer Region zu diesem Projekt stellten. Damals war der Panorama Rundweg Thunersee noch eine Vision. Ohne die engagierte Unterstützung von Luc und Thomas Frutiger und Peter Hauenstein gegenüber der AEK BANK 1826 gäbe es heute keine Brücke in Leissigen, Sigriswil oder Beatenberg, sie haben mit Ihrer Zustimmung und positiven Beurteilung des Projektes massgeblich dazu beigetragen, dass uns die Bank den nötigen Baukredit zur Verfügung stellte.

Für die Region ist die Unterstützung einer der grössten Baufirmen der Schweiz ein Lottosechser: Sie sind in der Region verwurzelt, fast jeder Oberhofner war irgendwann in seinem Leben mal mit Frutiger AG beschäftigt, wurde gesponsert oder hat mit ihnen gebaut.
Für den Panorama Rundweg Thunersee ist die kinderwagentaugliche Querung des Riderbaches eine wichtige Voraussetzung, um die Lücke im Rundweg am rechten Thunersee zu schliessen. Ohne die neue Hängebrücke in Oberhofen ist die Routenführung zwischen Sigriswil und Thun nicht fertig und ein anerkanntermassen einmaliges Projekt mit nationaler Ausstrahlung könnte nicht weiterverfolgt werden.

Abb. 5: Visualisierung Schrägansicht Panoramabrücke Oberhofen

Es gibt auch Gegner

Wir wissen, dass der Panorama Rundweg Thunersee mit der Hängebrücke in Oberhofen nicht nur Freunde hat. Wir sind aber trotzdem überrascht, wie stark und undifferenziert Widerstand geleistet wird. Es werden falsche Fakten zitiert und ohne das Projekt gesehen zu haben, darüber geurteilt. Dies stimmt uns traurig und nachdenklich. Wir sind aber zuversichtlich, dass die Frutiger AG mit kleinen Projektanpassungen die Baubewilligung für die Hängebrücke erteilt bekommt. Im Mai 2019 werden die Stimmbürger von Oberhofen an der Konsultativabstimmung ja sagen können zum wertvollen Geschenk. Wir hoffen, dass die Befürworter genügend Stimmbürger für die Gemeindeversammlung mobilisieren können.

Sigriswil

Der schöne Sommer 2018 hat auch uns gute Frequenzen beschert, der April 2018 war sogar unser Rekordmonat, noch nie seit 2012 hatten wir so viele Leute auf der Brücke. Mit über 26'000 verkauften Ticket hatten wir gegenüber 2017 eine minime Steigerung.
Das Suizidpotential der Hängebrücken, insbesondere Sigriswil, ist seit Beginn weg ein anspruchsvolles Thema, dass wir eingehend abgehandelt haben. Inzwischen haben wir eine enge Zusammenarbeit mit der Polizei: Ja, wir haben vereinzelte Suizide in Sigriswil (1-2 pro Jahr), aber die Fachleute wären dankbar, wenn alle Selbstmorde so unauffällig wie ihn Sigriswil stattfinden würden (Kein traumatisierter Lokführer, keine Behinderungen von Reisenden, keine Schäden an Fahrzeugen). Tatsache ist, dass es pro Jahr in der Schweiz über Tausend Selbstmorde gibt. Wir wurden von den Fachleuten gebeten, keine Warntafel, keine Netze und kein Nottelefon einzurichten. Sie können nirgends so unauffällig wie in Sigriswil die Tatstelle aufräumen, ohne Gaffer und Publizität. Es wurden keine Spontanselbstmorde festgestellt.

Dank

Mein grosser Dank geht an alle Besucher, Vereinsmitglieder, Vorstandsmitglieder, Behörden und Amtsstellen, Helfer und Sponsoren, die uns unterstützen, den Panorama Rundweg Thunersee von der Idee in die Realität umzusetzen.

Peter Dütschler, Präsident Panorama Rundweg Thunersee